Project Description

Nibelungenleader

von Kristo Šagor

Info: Dieses Stück ist aus verlagsrechtlichen Gründen nur für Schulen und Institutionen buchbar.

Junges Theater Konstanz

Lehrplanrelevanz
Nibelungenlied, Helden, Sagen, Geschlechterrollen damals und heute

Alter
ab 13 Jahren

Dauer
105 min.

Kosten
5€ pro Zuschauer*in

Kurzinhalt

Siegfried ist für viele der Inbegriff eines Helden: Er besiegt einen Drachen, badet in dessen Blut und ist dadurch unverwundbar. Er erbeutet den sagenhaften Schatz der Nibelungen und beschließt, Kriemhild zu heiraten. Die aber hat einen Bruder, Gunther, dem Siegfried zunächst einmal helfen muss, die als unbesiegbar geltende Brunhild für den entscheidungsschwachen König von Burgund zu gewinnen …

Siegfried, Kriemhild, Gunther und Brunhild sind vier der sechs Figuren, die in diesem europäischen Menschheitsmythos um die Perspektiven dieser Geschichte wettstreiten, die von Liebe und Eifersucht, von Verrat, Rache und Mord erzählt. Wer ist Held*in, wer Opfer, wer Täter*in? Mit welchen Machtstrukturen und welchen Frauen- und Männerbildern haben wir es zu tun? Und: Was ist eigentlich ein Drache?

Trailer

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Šagor verhebt sich nicht am ungeheuerlichen Sagenstoff – vielleicht auch deshalb, weil er auf kausale Neuinterpretationen verzichtet. Er interessiert sich vor allem dafür, wie etwas spielbar bleibt. Mit einfachsten Requisiten werden fabelhafte Situationen angedeutet, entstehen Drachen, lässt sich Unsichtbarkeit imaginieren.

…Bineta Hansen als Kriemhild und Johanna Link in der Rolle der Brunhild wirken nicht nur gedanklich weiter, als ihre Rollen es zulassen. Ihr dominantes und herausragendes Spiel sorgt auf der Bühne für Gleichberechtigung.

Bodo Blitz, Theater der Zeit, November 2020

Kristo Šagor braucht für diese sagenhaft menschliche und grausame Geschichte weder Schwert noch Theaterblut, keinen Drachen, keine Kronen oder Heldenattribute. Nur starke und in ihren Sätzen überaus präsente Darsteller, die mal in die Figuren hineingehen, dann wieder einen Schritt neben sich machen.

Bettina Kugler, St.Galler Tagblatt, 6.10.2020

„Nibelungenleader“ klopft es auf seine Wertigkeit für heutige Menschen ab. Kristo Šagor, Autor und Regisseur des Auftragswerks für das Theater Konstanz, findet mit seinem Ensemble etliche Anknüpfungspunkte, noch einmal neu über das Ganze nachzudenken.

…Die Inszenierung ist jugendaffin, hat Witz und Dynamik und impft diesen mythenschweren Stoff mit Leichtigkeit.

… Kristo Šagor hat sich dreifach bestens eingeführt: als neuer Leiter des Jungen Theaters Konstanz, als Autor des Stücks für Menschen 13 plus und vor allem als Regisseur, der das Potential eines großartigen Ensembles auszuschöpfen weiß.

Maria Schorpp, Südkurier, 6.10.2020

Diese Inszenierung fordert von ihrem Publikum in jeder Sekunde Aufmerksamkeit, gedankliche Mitarbeit. Da sind sechs Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne, die zwar miteinander interagieren, aber im Gestus eines gemeinsamen Erzählens.

…Die Welt der Nibelungen ist von heute aus betrachtet eine Macho-Welt. Braucht es heute Mut, einen Macho darzustellen? Das Gehabe von Ioachim-Willhelm Zarculea als Gunther wird nur noch übertrumpft von Thomas Fritz Jung als Etzel. Beide, röhrend jovial, schaffen eine freundliche Aura um sich, die ganz schnell in todbringende Handlungen umschlagen können. Selten so gut hat man in Konstanz Jonas Pätzold als Hagen gesehen, eine Figur, die sich aus allem herauszuhalten scheint und doch im entscheidenden Moment zupackt. In seiner Darstellung wird deutlich, Siegfried muss einfach sterben, weil er in Kriemhild verliebt ist. Das gibt der Rolle eine gewisse Verbissenheit, die Pätzold ausspielt. Julian Mantaj spielt hingegen den naiven Wonnebrocken Siegfried, nicht ungebrochen, aber doch schicksalsergeben. Bineta Hansen zeigt Kriemhild ganz gegen das Rollenklischee: Da agiert keine Verhärmte, sondern eine durchaus Lebensfrohe mit hoher Selbstbeherrschung, eine emanzipierte Frau, die weiß, wie kleine Tricks eine von Männern regierte Gesellschaft ins Wanken bringen. Johanna Link als Brünhild ist umwerfend, sie ist einfach nur da, aber wie! Zeigt keine Spuren von ihrem Opferdasein, führt einfach ihre Würde als Frau vor.

… weil der Sprechrhythmus so ausgefeilt ist, dass selbst dort, wo sich in die Sprache des Mythos der Slang eines Jugendspeaks mischt, die musikalischen Strukturen des Textes durchscheinen. Ein gelungener Abend zu Beginn der neuen Intendanz von Karin Becker in Konstanz – es ist die dritte gelungene Premiere in Folge.

Manfred Jahnke, Die deutsche Bühne Online, 4.10.2020

Kristo, was muss ein Stoff mitbringen, dass Du Lust hast, Dich als Autor näher damit beschäftigen zu wollen? Was hat Dich explizit an dem Mythos des Nibelungenliedes gereizt?

Das ist zum größten Teil Intuition. Die letzten Adaptionen, die ich gemacht habe, waren Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth und Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll. Bei beiden hat je eine Lektüre gereicht, um den Titel mit dem jeweiligen Theater festzumachen. Wenn ich Prosa adaptiere, ist mir immer wichtig, dass ich die Sprache, den Stil des Textes mag, da ich in meiner Adaption die Originalsätze benutze. Mit Nibelungenleader aktualisiere ich zum zweiten Mal einen mythischen Stoff. Und wie bei Iason arbeite ich mich unter anderem am Helden- und am Männer- und Frauenbild ab.
Wie bei allen Dramen über Halbgötter und Heroen verstecken sich hinter all der archaischen Größe die psychologischen Niederungen, die jeder und jede von uns kennt. Die Spirale aus Schuld lässt niemanden aus. Alle Figuren sind beteiligt daran, dass alles in der maximalen Katastrophe mündet.

Das Nibelungenlied ist die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters. Die drei wichtigsten vollständigen Handschriften des Nibelungenliedes sind 2009 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen worden. Der Autor oder die Autoren sind bis heute unbekannt. Was wird in Deiner Bearbeitung verhandelt?

Wir erzählen die Geschichte. Wer macht was warum. Wir verhandeln Liebe, Freundschaft, Macht und Verrat, und parallel dazu werden die Elemente der Erzählung reflektiert: Was ist ein König, was eine Königin? Was ist ein Drache? Was ist Liebe? Einer tut aus den richtigen Gründen das Falsche, eine andere aus den falschen Gründen das Richtige. Das Publikum kommt den sechs Figuren emotional nah, und dennoch bleiben sie einem fremd.

Welche Relevanz siehst Du darin, diese alten Konflikte heute zu erzählen?

Indem wir uns Geschichten erzählen, bestätigen und irritieren wir unsere Selbstbilder. Als Individuen und als Gesellschaft. Eine alte Geschichte zu erzählen, bedeutet, sie als weiterhin zutreffend, relevant und wirkungsmächtig zu billigen. Die großen Stoffe haben uns heute noch immer etwas zu erzählen, weil wir noch immer Täter und Opfer sind, noch immer Eltern und Kinder, Liebende und Leidende. Und dabei ändern sich wichtige Details. Steht Gunther auf Siegfried? Liebt Hagen Kriemhild?

Welchen Figuren kannst Du besonders viel abgewinnen und was machen sie aus?

Besonders spannend finde ich die Ehe von Gunther und Brynhild. Trotz einer Intrige und der einhergehenden Gewalt, die der Ehe vorausgingen, glaube ich, dass die beiden die zehn Jahre ihrer Ehe oder zumindest einen großen Teil dieser zehn Jahre glücklich gewesen sein können, bis die Lüge beziehungsweise ein Teil der Lüge herauskommt. Wir alle begeben uns täglich in Kompromisse, tun Dinge, von denen uns unser Bauchgefühl abrät. Wie viel Glück gibt es im Unglück? Und wie viel Unglück im Glück?
Und ich mag die Entscheidung, Etzel, der ja erst in der letzten Phase der Handlung eingeführt wird, zu einem der Erzähler zu machen. Seine kluge, begehrliche Geduld wird zuletzt belohnt. Er ist der distanzierteste und damit mächtigste der Erzähler.

Welches Anliegen verfolgst Du mit Deiner Theaterarbeit?

Kunst handelt für mich davon, mit uns selbst im Gespräch zu sein. Als Künstler erzeuge ich Kommunikationsmaterial. Der Gedanke, dass eine Schulklasse, eine Familie oder ein Paar aus meinem Stück rausgeht und danach Gedanken und Sätze aus meinem Text benutzt, um über sich selbst zu reden, ist atemberaubend. Kunst ist gut für die Seele. Das Als-Ob, bei dem eine Figur stirbt, ihre Darstellerin aber zum Applaus aufsteht und lächelt, erlaubt uns, Konflikte und schmerzhafte Prozesse zu erleben, ohne selbst zu Schaden zu kommen. Als Publikum üben wir Empathie. Ich glaube daran, dass Kunst erbauen kann. Ganz klassisch: Katharsis als Reinigungsprozess, der uns Kraft gibt. Beziehungsleben und Politik drohen da zu scheitern, wo wir uns drängen lassen, in Schwarz-Weiß-Pattern zu denken: ich, jetzt, hier so, gut vs. der, da, gestern, anders, schlecht. Theater kann dabei helfen aufzuzeigen, dass das alles komplexer ist.

Mit Bineta Hansen, Thomas Fritz Jung, Johanna Link, Julian Mantaj, Jonas Pätzold, Ioachim-Willhelm Zarculea
Regie Kristo Šagor
Bühne & Kostüme Christl Wein-Engel
Musikalische Leitung Felix Rösch
Dramaturgie Meike Sasse

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